Navigation fehlt? familienaufstellung-osnabrueck.de · annehmen was ist
Als Teil einer familiären Schicksalsgemeinschaft übernehmen wir das Schwere unserer Ahnen (etwa Schuldgefühle, Krankheiten, Neigung zu Unfällen, Todessehnsucht, Unfähigkeit zu lieben). Auch wenn sie schon verstorben sind und wir sie nie kannten, sind wir unwissentlich in ihre Schicksale verstrickt. Manche unserer Gefühle und Verhaltensweisen kommen uns unbegreiflich und fremd vor – wir erfahren sie im täglichen Leben, und dennoch scheinen es nicht unsere eigenen zu sein.
In langen Jahren hat Bert Hellinger aus Psychodrama, Gruppendynamik und Gestalttherapie eine Methode entwickelt, bei der nicht der Mensch aktiv einen vorgefaßten Lösungsweg beschreitet und dafür viele Sitzungen benötigt. In seiner „systemischen Familientherapie“ bekommt vielmehr die Seele selbst – mithilfe des Leiters (ich nenne ihn Begleiter) und sogenannter „Stellvertreter“ anderer Seelen – die notwendigen Impulse zur Heilung, und zwar oft schon bei einer einzigen Aufstellung.
Hellinger entdeckte unter anderem, daß Kinder im Inneren ihren Eltern immer treu sind, selbst wenn im Alltag das Gegenteil zu stimmen scheint. Sie übernehmen aus einer „blinden“ Bindungsliebe heraus das Schicksal oder die Schuld ihrer Vorfahren („Lieber gehe ich als du, Papa“) – ein vergebliches Opfer, das ihr eigenes Leben unselig beeinflußt. Ebenso stellen sie sich unbewußt auf die Seite verstoßener oder verschwiegener Angehöriger (etwa der behinderten und nicht geachteten Großtante), oder es zieht sie zu den Opfern eines Vorfahren (zum Beispiel zu den durch die Hand des Großvaters Getöteten).
Zu Beginn schildert die Aufstellende in knappen Worten ihr Anliegen und erwähnt dabei frühere wichtige Beziehungen der beteiligten Familienmitglieder. Auch fragt der Begleiter nach früh Verstorbenen, Ermordeten, Abtreibungen, Fehlgeburten, Ausgestoßenen und anderen schweren Schicksalen und Familiengeheimnissen. Dann schlägt er vor, welche Angehörigen der Gegenwarts- bzw. der Ursprungsfamilie aufgestellt werden. Doch auch Eigenschaften, Krankheiten oder abstrakte Begriffe lassen sich aufstellen, etwa Geiz, Migräne oder Zuversicht.
Der Aufstellende wählt nun gesammelt für alle Genannten je einen Stellverteter aus dem Teilnehmerkreis, ebenso einen für sich, damit er selber das Geschehen von außen betrachten kann (neben dieser klassischen Aufstellung gibt es auch Einzelsitzungen mit Hilfsmitteln wie bunte Pappscheiben, die wechselweise vom Begleiter besetzt werden). Ohne nachzudenken plaziert er die Personen so, wie es seinem momentanen inneren Bild entspricht.
Verblüffenderweise erlebt ein Stellvertreter die Emotionen und Gefühle derjenigen Seele, für die er sich zur Verfügung stellt, obwohl er von ihr gar nichts weiß. Beispielsweise fühlt es sich für ihn so an, als sei sein linker Arm vom Körper getrennt. Auf Nachfragen berichtet der Aufstellende, daß der Großvater, der hier stellvertreten wird, im Krieg seinen linken Arm verloren hat. Oder eine Frau kann den gegenüberstehenden Mann nicht achten – es ist der Vater des gemeinsamen Kindes, und die Beziehung ist gescheitert.
Hier wirkt das von Hellinger beschriebene „wissende Feld“, über das alle Seelen – ob lebend oder nicht – miteinander verbunden sind. Während der Aufstellung kommen unbewußte und versteckte Verstrickungen ans Licht. Die Seelen werden mit dem Schlimmen konfrontiert und angeleitet, es nun anzuschauen und anzunehmen, um aus dieser Haltung heraus – „annehmen was ist“ – etwas zu verändern.
Die Begleiterin stellt die Personen solange im Raum um, bis alle einen guten Platz gefunden haben und gewürdigt werden, so daß Kraft und Liebe frei fließen können. Dazu dienen neben bestimmten Rangordnungen, welche sich während Hellingers Arbeit oft als günstig erwiesen haben, bewährte archaisch anmutende Sätze („Mama, ich habe es gern für dich getan“, „Ich gebe dir die Ehre“ oder „Ich segne dich aus meiner Welt“), die zunächst befremdlich klingen mögen, jedoch eine immense Kraft für die Seelen darstellen.
Ist ein gegenüber dem Anfangsbild harmonischeres Abschlußbild erreicht, nimmt die Aufstellende dieses neue Bild in sich auf (dazu kann sie ihren Stellvertreter ablösen und den Platz selbst einnehmen). Um dieses Pflänzchen in der Seele Wurzeln fassen und gedeihen zu lassen, soll die Aufstellende einige Zeit nicht darüber sprechen und nachdenken.
Oft zeigen sich schon nach einigen Tagen oder Wochen erste Erfolge. So kann es sein, daß die scheinbar lieblose Tochter sich nach Jahren unerwartet meldet. Denn auch ihre Seele hat Impulse erhalten, ohne daß sie selbst irgendetwas von der Aufstellung weiß. Die Familienaufstellung macht deutlich: Wird das Schlimme nicht mehr verdrängt, sondern angeschaut und angenommen, so kann die Seele es endlich loslassen.